Der Mosesbrunnen in der (ehemaligen) Kartause von Champmol in Dijon

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Eingang
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Schutzhaus des Mosesbrunnens
"... 1395 beauftragte der Herzog von Burgund, Philipp der Kühne (1342 – 1404), seinen Hofbildhauer Claus Sluter mit der Errichtung eines Kreuzes für die Kartause von Champmol, jene Stiftung, die  auch zur Grablege des wohlhabenden Auftraggebers werden sollte. Das heute unter dem Namen "Moses- oder Prophetenbrunnen" bekannte Monument wurde in den Jahren 1395 bis 1404 von Claus  Sluter und seiner Werkstatt ausgeführt und erhielt im großen Kreuzgang einen Standort im Zentrum der Kartäuserspiritualität." (1)

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Brunnenbecken
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Mosesbrunnen
Mit dem ursprünglich als "Kalvarienberg" ausgeführten Monument (mit Kreuzigungsgruppe - Christus am Kreuz, Maria, Johannes und Maria Magdalena zu seinen Füßen - sowie sechs Propheten des Alten Testaments am Sockel) veranschaulicht Sluter die Verbindung von Altem und Neuen Testament: Die sechs Propheten sagen den Opfertod voraus und weisen mit ihren Spruchbändern auf das künftige Geschehen der Kreuzigung hin. Doch der Brunnen mit seinem lebenspendenden Wasser ("Lebensbrunnen") bedeutet weit mehr: als ein Symbol der Auferstehung und Erneuerung verheißt er die Hoffnung im Angesicht des Todes. "... Wille zur Buße und die Hoffnung auf Vergebung der Sünden (waren) auch Gründe dafür, weshalb Herzog Philipp der Kühne die Kartause von Champmol und den Mosesbrunnen für sein Seelenheil stiftete und die Kartäusermönche zu seinen Fürbittern machte." (1)

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Moses


Auf dem ehemaligen Gelände der Kartause (heute befindet sich hier ein Krankenhauskomplex) ist von dem Hauptwerk Sluters nur noch der Sockel mit den Propheten und Engeln überkommen. Dieser befindet sich vor Witterungsunbilden bewahrt in einem Schutzhaus und kann besichtigt werden.

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Moses

Den Sockel des Brunnens, der auf seiner Plattform die Kreuzigung darstellte, umgeben sechs Propheten des Alten Testaments. Für die Ausrichtung des Brunnens und der wahrscheinlichen Hauptansicht mit Moses, David und Jeremia kann man einen engen Bezug zur Grablege der Herzöge von Burgund annehmen. Besonders die höchst eindrucksvolle Gestalt des Mose erzeugt eine geradezu einschüchternde Wirkung: Der gewaltige Bart, das zerfurchte Gesicht und der zornige Blick zeugen von wilder Entschlossenheit und tiefem Wissen. "Immolabit eum universa multitudi filiorum Israel ad vesperam" - "Die Menge der Söhne Israels wird dieses Lamm am Abend opfern." - so steht es auf seinem Spruchband.

Moses
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David

König David galt im Mittelalter als gerechter und weiser König mit Vorbildwirkung. So trägt er sein Gewand (hier in den französichen Farben Gold und Blau) und seine Krone wie ein mittelalterlicher Herrscher. In der Hand hält er die Harfe, denn David ist Musiker und zeigt sich in seinen Klageliedern und Psalmen als reuiger Büßer ... Sein Blick ist auf den (ehemaligen) Chor der Kartäuserkirche gerichtet, in dem sich das Grabmahl des burgundischen Herzogs befand. Herzog Philipp wird sich wohl mit David identifiziert haben ... 'Auf der Schriftrolle König Davids kommt Christus selbst zu Wort (Psalm 21, 17), wenn er sagt: "Foderunt Manus meas et pedes meos" - "Sie haben meine Hände und Füße durchbohrt." ' (1)

David
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Jeremias

Der Prophet Jeremias verzichtete auf alle Gesellschaft und führte ein Leben in Abgeschiedenheit. In seinen Klageliedern wurde er nicht müde auf Tod und Vergänglichkeit hinzuweisen - gleichzeitig aber auch auf die Gnade Gottes und auf sein Erbarmen mit den Menschen. Man sollte die Klagelieder Jeremias einmal ganz langsam auf sich wirken lassen, um eine leise Ahnung von der ungeheuren Kraft dieser Texte zu bekommen. Sein Ruf nach Umkehr und Buße wurde von den Kartäusern durch unablässiges Gebet und Fürbitte verinnerlicht. Auf dem Spruchband des Jeremias steht: "O vos omnes qui trasitis per viam, attendite et videte si est dolor sicut dolor meus." - "Oh ihr alle, die ihr auf dem Weg vorübergeht, haltet an und seht her, ob ein Schmerz wie mein Schmerz ist."

Jeremias
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Jesaja, Daniel und Zacharias

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Daniel und Jesaja
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Daniel und Jesaja
Man kann die ganze Geschichte, die sich um die Bücher der Propheten rankt als eine  Vorbereitung der Heilsgeschichte auffassen - die Ankunft des Erlösers wird in den Prophezeiungen durch viele Zeichen angedeutet. Damit werden die Sockelpropheten hier beim Mosesbrunnen wortwörtlich zum Sockel, zum Unterbau, zum "Architekturpfeiler, der auf seiner oberen Plattform die Kreuzigungsgruppe trug..." (Kubina).

Jesaja
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Jesaja - Spruchband
Die Weissagungen auf den Spruchbändern der alten Propheten Jesaja, Daniel und Zacharias - "Sicut ovis ad occisionem ducetur et quasi agnus coram tondente se obmutescet et non aperiet os suum" - "So wie ein Schaf zum Tod geführt werden wird und gleichsam ein Lamm verstummen wird in der Gegenwart des Scherers und seinen Mund nicht öffnen wird." (Jesaja 53,7) oder "Post hebdomades sexaginta duas occidetur Christus" - "Der Gesalbte wird nach 62 Wochen getötet werden." (Daniel 9,26) und "Appenderunt mercedem meam trigenta argenteos" - "Sie haben meinen Lohn mit dreißig Silberlingen bemessen" (Zacharias 9,12) kommentieren nicht nur das Geschehen, sondern sie stellen vielmehr die Verbindung zwischen den unterschiedlichen Zeitebenen dar und lösen diese letztlich auf.

Daniel
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Jeder Prophet steht als Persönlichkeit für die ganze Tragweite seiner Weissagung und verleiht dieser durch Gesten, Mimik und Attribute Nachdruck.

Zacharias
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Die Engel

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Engel am Mosesbrunnen
Direkt unterhalb der oberen einst die Kreuzigungsgruppe tragenden Plattform befinden sich am Mosesbrunnen sechs Engel. Ihre ursprünglich vergoldeten Flügel müssen früher einen strahlenden Kranz um den Fuß des Golgatha-Berges gebildet haben. Im Kontrast dazu stehen die individuellen Gesichtszüge - die Engel wirken sehr menschlich, zeigen sie doch in geradezu rührenden Gebärden und Gesten Erschrecken und Trauer. Ihr Mitgefühl spricht den Betrachter viel stärker an als die unnahbar ernste Strenge der Propheten. Doch schauen Sie am besten selbst ...

Engel am Mosesbrunnen
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Weitere Details ...

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Schuhspitze des Daniel
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Schreibtasche des Jesaja
Alle Figuren am Mosesbrunnen sind außerordentlich ausdrucksstark und mit hohem Detailreichtum dargestellt. Stirnfurchen, Adern auf den Händen, Gewandfalten, Knopflöcher, Gürtelschnallen, Quasten und Troddeln - die Details sind präzise ausgearbeitet. Die farbige Bemalung der Figuren, ihre goldenen, grünen und blauen Gewänder ließen die Propheten noch realistischer erscheinen und steigerten so die bildhauerische Wirkung weiter.
Die Kartause von Champmol zählte zu den Hochburgen des künstlerischen Schaffens im ausgehenden Mittelalter. Während der Französischen Revolution wurde sie aufgelöst, ihr Inventar verstreut. Heute befindet sich auf dem Gelände ein Krankenhauskomplex. Glücklicherweise blieben einige der herausragenden Kunstwerke erhalten (u. a. die Grabmäler der Herzöge von Burgund im Musée des Beaux-Arts in Dijon). Der Mosesbrunnen steht wie eh und je an seiner ursprünglichen Stelle, 1999 und 2001-2003 wurde er aufwändig restauriert. (2)

Der Jakobsbrunnen

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Jakobsbrunnen
Der Jakobsbrunnen neben der Apsis der 1844 geweihten neugotischen Kapelle ist ebenfalls ein Überrest der Kartause aus dem Mittelalter. Der Brunnen stand im kleinen Kreuzgang der Kartäuserkirche. Gerüst und Seilrolle sind typische Merkmale aus dieser Zeit. Ungewöhnlich ist die Konstruktion der Steintreppe und des Podestes, damit konnte das Umgießen des Wassers erleichtert werden. (2)

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Quellen:
(1) E. Th. Kubina, Der Mosesbrunnen im Kontext, Diplomarbeit 2007, Universität Wien   --> http://othes.univie.ac.at/326/
(2) S. Jugie, J. Kagan, M. Huynh, Die Kartause von Champmol und der Mosesbrunnen, Edition du patrimoine, Paris , 2004

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