Extras - Figuren und Reliefs in aller Welt


Das Heilige Grab in der Stiftskirche St. Cyriakus zu Gernrode

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Die ehemalige Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode ist eines der bedeutendsten und besterhaltenen Bauwerke aus ottonischer Zeit. Markgraf Gero gründete 959 hier ein Frauenstift, unter dessen tatkräftiger erster Äbtissin Hathui die Kirche wohl bereits noch im 10. Jahrhundert vollendet wurde.

Eine Kostbarkeit im Innern der Kirche ist das aus dem 11. Jahrhundert stammende "Heilige Grab". Als Heiliges Grab wird eine Nachbildung des Grabes Christi in Jerusalem bezeichnet. Die Vorstellungen von Tod und Wiederauferstehung sind zentrale Glaubensinhalte christlicher Lehre.
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Durch Vorzeigen des leeren Grabes kann in der Osterliturgie die Idee der Auferstehung und der Gedanke der Überwindung des Todes sinnlich erfahrbar dargestellt werden.

Das Heilige Grab in Gernrode besteht aus einer Vorkammer und der eigentlichen Grabkammer, die mit etwa vier Metern Wandlänge dem Vorbild in Jerusalem entspricht. Die Grabkammer war ursprünglich mit einem achtseitigen Gewölbe versehen, das jedoch eingestürzt ist. Im Innern der Kammer befinden sich an den Wänden Nischen, Reste von Wandmalereien, auch mehrere beschädigte Figuren sind noch vorhanden. Eine Platte auf dem Boden zeigt an, wo der leere Sarkophag gestanden hat.

Das Heilige Grab in Gernrode
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Die Wand der Vorkammer

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Der Relief- und Figurenschmuck innen und
außen nimmt Bezug auf das Ostergeschehen.
Außen zeigt die Nordwand der Vorkammer,
Ranken, die aus Masken hervorquellen;
jeweils mittig in den Ranken sind die Symbole von drei Evangelisten zu erkennen:
oben der Adler (Johannes), links der Löwe (Markus) und unten der Mensch oder
Engel (Matthäus). Wahrscheinlich befand sich rechts noch eine Darstellung des
Stiers (für Lukas), die jedoch durch die später hereingebrochene Tür verloren
ging. Leider sind die beiden großen Reliefplatten abgemeißelt, doch es ist sehr
wahrscheinlich, dass sie den sogenannten "Jüngerlauf" darstellten - das sind
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Petrus und Johannes, die auf die Nachricht von
der Auferstehung hin, zum Grabe eilen.
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Die Nordwand der Grabkammer

Die Jünger hatten von Maria Magdalena erfahren, dass Christus nicht mehr im Grabe liegt. Sie hatte ihn getroffen, jedoch zunächst für den Gärtner gehalten, ihn dann aber erkannt. Diese Szene wird an der Nordwand der eigentlichen Grabkammer dargestellt. Man spürt hier geradezu die knisternde Spannung, wenn Christus der auf ihn zueilenden erkennenden Maria Magdalena gebietet: Noli me tangere - Rühr mich nicht an... Die beiden Ganzfiguren sind von ungewöhnlich hoher Plastizität und in Gewandbehandlung und Ausdruck in hervorragender Qualität gestaltet. Trotz des spannungsvollen Moments ist eine gewisse Lockerheit nicht zu übersehen.

Noli me ...
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... tangere!
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Die Wand wird durch die Rahmung in neun Felder geteilt. Das Feld zwischen den beiden seitlichen Figuren von Christus und Maria Magdalena enthielt ursprünglich eine Öffnung (jetzt zugesetzt), die den Blick in die Grabkammer erlaubte. Darüber im oberen mittleren Feld befindet sich (als Halbfigur) eine weitere Christusdarstellung, die den Auferstandenen als Erlöser der Welt ("Thronender Christus") darstellt, in der linken Hand ein Buch haltend, die rechte Hand zum Segensgruß erhoben.
Drei von den vier Eckfeldern der Wand sind heute leer, im Feld links unten hat sich ein Flechtwerk (ein Ewigkeitssymbol?) erhalten.

Die Westwand der Grabkammer

Von besonderer Schönheit erweist sich die Westwand der Grabkammer, wird doch hier der Erlösungsgedanke als komplexes ikonographisches Programm ausgebreitet.

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Im Zentrum der Darstellung befindet sich jedoch eine Frau: vor einer archaisch anmutenden Architekturszene, die wahrscheinlich die Grabeshöhle andeutet, flankiert von antikisierenden Säulen in Nischen, steht Maria Magdalena, die linke Handfläche nach außen gekehrt, die rechte Hand an den Körper gepresst. Sie steht vor dem leeren Grab des Herrn, sie wird ihm als erste begegnen und von dem Auferstandenen den Auftrag erhalten, die Jünger zu informieren...

Der umgebende rahmende Fries erzählt im oberen Teil von der göttlichen Gnade: die beiden Figuren außen links und rechts werden als Johannes der Täufer und Moses - der letzte und der erste Prophet - gesehen, die auf das Lamm Gottes in der Mitte verweisen. Das Lamm mit Kreuzstab und Nimbus symbolisiert den Opfertod Christi, die Tiere links und rechts von ihm werden als Phönix (mit Nimbus, der Phönix verbrennt und entsteht aus der Asche neu) und Adler (ein weiteres Symbol für Christus) gedeutet. Auch die beiden Löwen daneben kann man als Symbole der Göttlichkeit interpretieren.

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Johannes d. T. und Löwe
Phönix, Lamm und Adler
LöweundMoses

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Löwe
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Pelikan
Ebenso lassen sich in den beiden Tieren unter den Figuren des Johannes und Mose - ein Löwe und ein Pelikan - weitere Symbole für Christus erkennen: der Pelikan opfert in der christlichen Vorstellung bekanntlich sich selbst, um seine Jungen mit seinem Blut zu stillen.

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Hirsch
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Greif
Bei der Tierwelt der unteren Etage gehen die Meinungen der Kunsthistoriker auseinander: Einige bringen sie abwechselnd mit positiven und negativen Eigenschaften in Verbindung, so die Wankelmütigkeit und Verführbarkeit des Menschen andeutend, doch meistens werden sie mit negativen Eigenschaften, Sünde oder Verkörperungen des Bösen in Zusammenhang gebracht. Hirsch und Greif sind ja noch eigentlich positiv besetzt, doch schon der träge Bär unten links und vor allem rechts daneben der Basilisk (mit Knoten im Schwanz) sind Symbole des Lasters und des Teufels. Über die Bedeutung der anderen Tiere (Kaninchen, Huhn, verschiedene Vögel?) wird trefflich kontrovers diskutiert...

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Der schmalere äußere Rahmen wird wellenförmigen Ranken mit Blattwerk und Früchten gebildet, die aus den Mäulern von Schlangen und den  Mündern von menschlichen Antlitzen entsprießen.
Auch im Innern der Grabkammer wird das Bildprogramm mit Skulpturen (Grabesengel, drei Frauenfiguren und einer Bischofsfigur?) fortgesetzt.

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Das Heilige Grab in der Stiftskirche zu Gernrode ist das älteste Beispiel einer solchen Anlage und absolut einzigartig auf Grund seines großartigen Figurenschmuckes. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten wurde es Ende 2012 wieder der Öffentlichkeit übergeben und ist in der Kirche während der normalen Öffnungszeiten (von außen) zu besichtigen. Ostern 2013 wurde die Anlage neu geweiht. Wenn wir heutigen Menschen auch die Symbolik der Bilderpredigt nicht mehr im Ganzen verstehen, so bleibt uns doch umso mehr die Verpflichtung, dieses einmalige kulturelle Erbe zu wahren.

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Quellen:
H. Möbius: Die Stiftskirche zu Gernrode, Das Christliche Denkmal, Heft 68, 3. Aufl. 1976, Union Verlag Berlin
G. Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Sachsen-Anhalt I, 2002, Deutscher Kunstverlag München Berlin
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zu den Chorschranken der Liebfrauenkirche in Halberstadt