Hauszeichen in Magdeburg

Bild "MD_Hauszeichen1_01.jpg"Bild "MD_Hausrelief1_01.jpg"Im Stadtgebiet um den Alten Markt herum findet man an verschiedenen Häusern Hinweise auf Magdeburgs reichhaltige Geschichte in Form von Inschriften und Hauszeichen. Sie wurden beim Wiederaufbau in den 1950er und 1960 Jahren hier angebracht. 1970 wurdein der Nähe des Eulenspiegelbrunnens auf dem Alten Markt sogar eine ganze Wand mit weiteren 12 aus den Ruinen bzw. dem Trümmerschutt geborgenen alten Hauszeichen und zwei Einzelsteinen errichtet. Diese "Hauszeichenwand" musste inzwischen der modernen Bebauung weichen, man findet ihre Hauszeichen jetzt (leider wenig öffentlich wirksam, versteckt und schlecht beleuchtet) im Durchgang zur Buttergasse.
  
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Hauszeichenwand Buttergasse
Von dem verdienstvollen Heimatforscher Werner Priegnitz, der in den 1960er und 1970er Jahren regelmäßig Artikel über Magdeburg in der "Magdeburger Zeitung am Wochenende" (MZ), veröffentlichte, stammt der nachfolgende Text, der kurz vor der Einweihung der besagten Hauszeichenwand in der MZ erschien. Lassen wir also Werner Priegnitz zu Wort kommen und ihn erklären, was es mit den Hauszeichen im Allgemeinen und der Hauszeichenwand im Besonderen auf sich hat:

Werner Priegnitz:
An der Hauszeichenwand "... handelt (es) sich um folgende Hauszeichen:

1. 'Zum goldenen Einhorn', ehemals Schrotdorfer Straße 14
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Zum Goldenen Zelt (Hauszeichen-
wand Buttergasse)
2. 'Zum Goldenen Zelt', ehemals Schmiedehofstraße 8
3. 'Goldener Kopf', ehemals Katharinenstraße 5
4. 'Zum goldenen Stein', ehemals Schrotdorfer Straße 20
5. 'Zur goldenen Sonne', ehemals Stephansbrücke 25
6. 'Zu den drei Äpfeln', ehemals Breiter Weg 116
7. 'Zu den zwei Tauben', ehemals Knochenhauerufer 36
8. 'Zum schwarzen Raben', ehemals Knochenhauerufer 34
9. 'Zum Marientempel', Breiter Weg 58
10. 'Zum grünen Kranz', ehemals Große Junkerstraße 19
11. 'Zur grünen Tanne', ehemals Knochenhauerufer 78
12. ' Zu den drei blauen Sternen', Breiter Weg 170

Die Einzelsteine sind:
13. Ein sogenannter 'Neidkopf', der über dem Torbogen der Ausfahrt vom Breiten Weg 138 in der Dreiengelstraße angebracht war. Seine Anbringung wurzelte in einem uralten Aberglauben und diente der Abschreckung der auf das stattliche Haus etwa neidischen Vorübergehenden. Am Giebel des Remterganges 1 sind heute noch zwei kleine Neidköpfe angebracht.
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Stadtwappen (Haus-
zeichenwand Buttergasse)
14. Ein Stadtwappen, das früher an der Mauer im Hofe der Heiligegeiststraße 12 die Grenze zwischen der Altstadt und der Domfreiheit bezeichnete. Diese Grenze lief im Mittelalter längs der Fürstenwallstraße, dann an der Mauer zwischen Heiligegeiststraße und Große Klosterstraße hinauf zum 'Goldenen Schlag', Regierungsstraße 23, wo ein Schlagbaum in der Straße die Grenze bezeichnete. Dann ging es südlich der Steinstraße weiter, wo noch namhafte Reste der Mauer vorhanden waren, zum Breiten Weg, wo eine Kette die Straße sperrte. Ganz früher war hier sogar ein Tor. Zwischen Breiter Weg 196/197 und 198 lief die Grenze hinter den Häusern der Leiterstraße zur Stadtmauer westlich der Prälatenstraße.
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Zum goldenen Apfel
All diese Hauszeichen stammen aus den Zeiten, wo es nur sehr unvollkommene Stadtpläne, nicht ganz sichere Straßennamen und keine Hausnummern gab. Die genaue Bestimmung der Lage eines Hauses war noch bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts eine recht umständliche Sache, zumal auch viele Straßen mehrere Namen hatten. So hieß die ehemalige Schwertfegerstraße um 1550 vom Westende des Katzensprungs bis zum Ratswaageplatz 'Hinter der Waage' und dann erst galt der Name 'Im Schwertfeger'. Da aber die Waffenschmiede auch zur Schmiede-Innung gehörte, sagte man auch 'In den Kleinschmieden', welche Bezeichnung jedoch ebenfalls auf die Dreienbrezelstraße angewandt wurde, weil dort die Messerschmiede wohnten. Das südliche Ende des Schwertfegens am Alten Markt wurde 'Saugasse' genannt, weil an Markttagen dort die Schweine feil gehalten wurden.
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Zum weißen Lamm
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Zum goldenen Pferd
Wie schwer es aber war, ein einzelnes Haus zu bestimmen, zeigt eine Urkunde vom 14. Juli 1489, in der es um jährlich zweieinhalb Gulden Zins vom Haus des Vikars Heinrich Hovet geht. Die Lage wird so beschrieben: 'Dat hus is belegen up dem orde (Ecke) an der krummen straten by dem brande (Prälatenstraße) in der olden stadt Magdeborch upwort (aufwärts) na sunte Sebastions kerken dar bene ven (hinab, etwas weiter) an der einen syden in der krummen straten de ehrhafftige her Hermann Bidder und an der andern syden an dem orde der Ledderstraten de vorsichtige Jacobus Lömme itzund wohnen.'
Heute sagt man: Der Herr Hovet wohnte Prälatenstraße 13.

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Inschriften und Hauszeichen über Hauseingängen am Alten Markt in Magdeburg

Nicht lange danach hatte ein heller Magdeburger den hübschen Einfall mit den Hauszeichen. Es ist auch möglich, dass er diese probaten Dinger vielleicht beim Besuch einer anderen Stadt gesehen hat. Jedenfalls erleichterten diese zum Teil künstlerischen Symbole die Bestimmung der Häuser beträchtlich.
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Zum seidenen Beutel ?
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Zur goldenen Gans
So fanden wir im Ruinenschutt auf der Ostseite der Neustädter Straße einen ziemlich großen Stein mit der flachen Abbildung eines dreiblättrigen Kleeblattes. Leider ohne Jahreszahl, aber wohl nach seiner Art in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts zu datieren. Zu welchem Haus dies Kleeblatt einmal gehörte, war nicht mehr festzustellen. Der älteste datierte Stein dieser Art, eigentlich sind es zwei Steine, trägt auf dem einen die Inschrift 'Zu der dauben' und auf dem anderen die Zahl 1543. Auf dem Stein sind ein Wappenschild mit einer Taube und einem Kreuzchen darüber. Das war das Zeichen der Stephansbrücke 24.
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Wilder Mann?
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Zum goldenen Pelikan
Diese Beispiele fanden schnell Nachahmung, die Straßen wurden zu einer Art Bilderbuch, und es gab darunter die drolligsten und unglaublichsten Darstellungen. So gab es allein dreizehn 'Adler' in verschiedenen Farben, darunter auch einen 'grünen Adler', Neuer Weg 19. Es gab das Haus 'Zum goldenen Arm', 'Zur harten Bank', das eine bekannte Badestube im Knochenhauerufer Nr. 8 war. Es gab weiter 'Kronen', 'Sonnen, 'Sterne', Goldene Kanonen' und die ganze Zoologie vom 'Hahn' in allen Farben bis zum 'Kleinen Elefanten' oder vom 'Frischen Lachs' bis 'Zum Walfisch'. Werkzeuge, Blumen und Bücher, alles war vertreten, sogar ein 'Grauer Bart' und die 'Heilige Dreifaltigkeit'. Was soll man aber von dem Besitzer des Hauses Werftstraße Nr. 28 denken, der das Hauszeichen 'Zum weißen Knie' führte.
... Noch in der ersten Hälfte des vorigen (19.) Jahrhunderts gab es solche Steinbildwerte reichlich..., und bei der unpraktischen Zählweise der Häuser, die willkürlich und immer wieder anders durch die Viertel der Altstadt zählten, benutzte man die Zeichen noch lange weiter. Als aber 1807 die Straßennamen amtlich festgelegt wurden und jede Straße richtig durchnummeriert wurde, kam der Gebrauch der Zeichen allmählich ab. und sie erhielten sich mit der Länge der Zeit nur noch hier und dort. Wurde eine Fassade abgerissen, dann kam manches Zeichen in eine Wand auf dem Hof oder ins Museum. Nur etwa 125 Zeichen waren 1944 noch an Häusern vorhanden.

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Zur fetten Henne, ehemals Fettehennenstraße 9, jetzt Alter Markt Magdeburg

(...)
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Zum blauen Löwen (Hauszeichen-
wand Buttergasse)
Die Wahl solcher Symbole geschah ganz nach dem Geschmack, der Phantasie und Willkür ihrer Besitzer. So ist es ziemlich selten, dass der Anlass zur Wahl eines Zeichens festgestellt werden kann, wie zum Beispiel beim Brauhaus Schrotdorfer Straße 11 'Zum goldenen Bein', dessen Wiedererbauer Christian Tillbein war, oder der Bader Michel Nefe, der seine Badestube in der heutigen Fürstenwallstraße durch das Hauszeichen 'Zur nackten Magd' attraktiver zu gestalten suchte. Aber bei zwanzig verschiedenfarbigen Sternen, zehn Wölfen, vierzehn Löwen, acht Lämmern und ähnlichen Zeichen versagt der Chronist. Er kann höchstens noch Vermutungen äußern.

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Zum Goldenen Stein (Hauszeichen-
wand Buttergasse)
So bei dem 'Goldenen Stein', auch früher 'Hoher Stein' genannt. Es scheint, als ob die Versammlungsplätze der Mannschaften der neun Stadtviertel durch 'hohe' Steine bezeichnet waren und dies der Anlass zur Namensgebung war. Vor Schrotdofer Straße 20 versammelte sich also die Mannschaft des IV. Viertels, das von der Ulrichstraße, dem Breiten Weg und dem Krökentor umschlossen war. Ein anderer 'Hoher Stein' befand sich Neustädter Straße 31, ganz zentral für das IX. Viertel gelegen.

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Goldener Kopf (Haus-
zeichenwand Butterg.)


Und nun in kurzer Form einige Gedanken zu den Hauszeichen, die neben der Buttergasse am Alten Markt ihren Platz finden werden.

'Das goldene Einhorn' (ehemals Schrotdorferstraße 14) brachte der Handelsmann Christian Zecheldorf an dem von ihm 1677 neuerbauten Haus an. Das Einhorn kam in unserer Stadt nur einmal vor, und vermutlich führte Zecheldorf es als Siegel- oder Wappenzeichen.
'Das goldene Zelt' (ehemals Schmiedehofstraße 8) trägt die Jahreszahl 1765. Und im Magdeburger Häuserbuch sind die Besitzer dieses großen Grundstücks in der Schmiedehofstraße nur bis 1720 verzeichnet, vielleicht hat sich damals in diesem Haus ein Soldat der zahlreichen Kriege des 18. Jahrhunderts zur Ruhe gesetzt und zur Erinnerung an das Lagerleben dieses Zeichen gewählt.
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Schwarzer Rabe (Hauszeichenwand
Buttergasse)


'Der schwarze Rabe', 1631, auf dem Elbvorland gelegen, scheint bei der Eroberung vom Feuer verschont worden zu sein; denn das Grundstück wurde bereits 1649 für 900 Taler verkauft. Ob der Rabe eine Reminiszenz an die Sage vom 'diebischen Raben' sein sollte, vermag ich nicht zu sagen.

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Zur goldenen Sonne (Hauszeichen-
wand Buttergasse)
'Die goldene Sonne' wurde 1637 bereits wieder aufgebaut, aber erst 1697 schmückte der Brauer Johann Schmidt das Haus mit diesem schönen Symbol.

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Zum grünen Kranz (Hauszeichenwand
Buttergasse)
'Der grüne Kranz' trägt die Zahl 1703, und ihn erwählte Heinrich Nitze als derzeitiger Besitzer des Grundstücks und fügte folgenden Spruch hinzu: 'Wie Andere Bauen Uns, so Bauen wir den Andern, So mus das Weltgebräu von uns auf Andre wandern'. Vielleicht war dieser Nitze ein Maurermeister und Philosoph dazu.

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Zu den drei Äpfeln (Hauszeichen-
wand Buttergasse)
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Zur grünen Tanne (Hauszeichen-
wand Buttergasse)
Von den 'Zwei Tauben' mit der Jahreszahl 1778 und dem Grundstück 'Drei Äpfel' ist heute nichts mehr festzustellen. In gleicher Weise verhält es sich mit dem Grundstück 'Grüne Tanne'. Das Hauszeichen hat eine wunderschöne Rokokoumrahmung und muss daher aus der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts stammen. Der Besitzernachweis reicht aber nur bis 1722.

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Drei blaue Sterne (Hauszeichen-
wand Buttergasse)

Das Grundstück 'Drei blaue Sterne' besaß der Schiffer Andreas Mörder von 1697 bis 1704. Er ist als Urheber dieses Zeichens anzusehen."

Text:
Werner Priegnitz, Die Hauszeichenwand am Alten Markt, Magdeburger Zeitung (1970), Nr. 43, 44, 45, jeweils Seite 10  (Text leicht gekürzt)

Eine umfangreiche Auflistung der Magdeburger Hauszeichen ist in folgender Dokumentation zu finden:
Klaus Kramer: Magdeburger Häuserbuch - Hausnummern, Hauszeichen und Hausnamen, Hrsg.: Landeshauptstadt Magdeburg, Stadtplanungsamt Magdeburg, 2001

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Die Hauszeichenstele

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Hauszeichen findet man in Magdeburg auch an etlichen Neubauten - schön, dass die alte Tradition auf diese Weise bewahrt wird. Eine künstlerisch besondere Perle stellt indes die "Hauszeichenstele" dar, die mit ihrem hintersinnigen (und auch derben) Humor die Zeichen interpretiert. Der Bildhauer Wolfgang Roßdeutscher gestaltete aus Keramik die Hauszeichen mit so vielsagende Namen wie: Zum süßen Eingang, Zum goldenen Hufeisen, Zum bunten Lämmchen, Zum kleinen David, Zum roten Löwen, Zum weißen Löwen, Zum goldenen Goliath, Zum Pelikan, Zur grünen Bouteille, Zum Bauerntanz und Zur goldenen Trompete. Ob man von den Darstellungen auf die Art der Hausbewohner schließen kann?

Hauszeichenstele
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Die Hauszeichenstele im Bereich Krügerbrücke/Himmelreichstraße (Fruchthof) ist aus Klinkern gemauert und stammt aus dem Jahr 1990.

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zu Bronzetüren in Magdeburg