Glocken- und andere Türme in Italien

Bild "Pisa_Campanile_01.jpg"
Schiefer Turm in Pisa
Türme sind Dominanten. In Verbindung mit Kirchenbauten tragen sie in der Regel Glocken, deren Schall durch die erhöhte Position weithin zu hören ist. Wenn der Turm nicht direkter Bestandteil des Kirchengebäudes ist oder sogar frei steht, dann spricht man von einem Campanile. Besonders oft ist diese Art Glockenturm ("campana" = (it.) Glocke) in Italien anzutreffen, wobei zweifellos der schiefe Turm von Pisa als berühmtester Vertreter gilt. Die antiken Tempel und allerersten christlichen Kirchen kannten jedoch noch keine Glockentürme, die ersten freistehenden Türme wurden wohl im Zusammenhang mit den in Ravenna im 6. Jahrhundert errichteten Kirchen S. Apollinare in Classe und S. Apollinare Nuovo gebaut. Die Rundtürme dieser beiden Kirchen stammen aus dem 9. oder 10. Jahrhundert.

Türme in Ravenna

Der Campanile von Sant' Apollinare Nuovo, Ravenna

Bild "Ravenna_Apollinare1_00.jpg"
S. Apollinare Nuovo
Der Ostgotenkönig Theoderich (der Große) soll die Basilika im 6. Jahrhundert als Palastkirche errichtet haben lassen, bekannt ist das zum Weltkulturerbe zählende Gebäude heute vor allem durch seine phantastischen Wandmosaiken im Inneren.  
Die Kirche ist etwas von der Straße zurückgesetzt, so dass sich vor der Westseite ein kleiner Platz bildet. Die Vorhalle wurde allerdings erst im späten Mittelalter gebaut. Rechts, auf der Südseite, steht der etwa 38 Meter hohe Campanile aus dem 9. oder 10. Jahrhundert, dessen Rundform so typisch für Ravenna ist. Vermutlich dienten für die runde Form Türme der römischen Stadtmauerbefestigung als Vorbild (wikipedia).

Sant'Apollinare Nuovo, Ravenna
Bild "Ravenna_Apollinare1_01.jpg"
Bild "Ravenna_Apollinare1_02.jpg"
Bild "Ravenna_Apollinare1_03.jpg"
Bild "Ravenna_Apollinare1_04.jpg"Bild "Ravenna_Apollinare1_05.jpg"Bild "Ravenna_Apollinare1_06.jpg"

Vor der Kirche befindet sich eine Informationstafel, auf der das Bauwerk in italienischer und englischer Sprache beschrieben wird. Nachfolgend ist der englische Text wiedergegeben:

Bild "Ravenna_Apollinare1_07.jpg"
Informationstafel vor der Kirche:
"Built by Theoderic as the Royal Palace chapel, S. Apollinare Nuovo probably dates back to the late 5th or 6th century. It was built next to the palace which was restructured by the Gothic king, it must have been used as a palatine basilica and it can be considered as the most prestigious among the Arian churches. After the Byzantine reconquest and after the Justinian's Edict (561) its patron became St. Martin, Archbishop of Tours, famed for his staunch opposition to all heresies and to Arianisme in particular. The splendour of its gilded ceilings gave it the name of St. Martin of the Golden Sky. According to tradition, the remains of St. Apollinare, martyr and founder of the Ravenna Church, were brought there in the 9th century, and the church took his name with the word "Nuovo" added to distinguish it from another church of the same name in the city. In the 10th century the church was entrusted to the Benedictine monks and therefore entrusted to the Friars Minor Observants of S. Francesco, who carried important works. The round 10th century campanile, so typical of Ravenna, standing at the far right of the portico, lightened by the elegant apertures which, from the uppermost orders of trifora become orders of single apertures nearer the foot. The 16th century portico of the facade replaced the old narthex. In the 17th century the present gilded lacunar was rebuilt. The basilica, it is made of bricks, is characterized by a great architectonical simplicity.Twenty four columns of Greek marble divide the interior into a nave and two aisle, the nave ending in a rounded apse - polygonal externally -. A very rich decoration must have characterized the interior part of the basilica, built with marbles in its lower part, stuccos, disappeared after the works of the 16th century. The present mosaics cover the two side walls at the foot of the nave, from the ceiling to the top of the supporting arches, in three decorative fascias. The outer band depicts a Procession of Martyrs and Virgins; the centre one filling the areas between the windows, depicts majestic white-robed male figures (probably prophets), while the innermost fascia shows the Miracles and Passion of Christ. The Christ scenes occupy 26 panels, thirteen on each side, interspersed with other panels repeating the same symbolic motifs. Towards the foot of the right wall, the city of Ravenna is seen behind Theodoric's palace. A Procession of 26 Martyrs leads from the palace to the apse: each haloed martyr has his name inscribed above; the figures emerge from a golden background and wending its way towards the Enthroned Christ, in an attidude of blessing, flanked by four archangels. On the left wall facing the palace and the city is the Civitas Classis. From the city of Classe, the walls of which contained the images of five personages removed by Agnello and substituted with gold, a Procession of Virgins moves towards the throne of the Madonna. Many artists must have taken part in the mosaic work of S. Apollinare Nuovo, for a number of different hands are distinguishable in the variations of line, style and those slight effects by which, from natural reality, one reaches the metaphysical abstract of the communion with the mysteries, expressed as though in the cadence of a liturgical chant."
Informationstafel vor Sant'Apollinare Nuovo, Ravenna, engl. Text

Bild "Ravenna_Apollinare1_08.jpg"
Detail vom Campanile
Bild "Ravenna_Apollinare1_09.jpg"
Reste des Palastes von Theoderich?
In neun Abschnitten wird der Turm durch Fensteröffnungen geschickt gegliedert: im untersten Abschnitt befinden sich nur schmale Lichtschlitze, darüber werden drei einfache Bogenfenster angeordnet, gefolgt drei Biforien (zweibogige Fenster), deren lichte Weite nach oben größer wird. Die beiden oberen Stockwerke schmücken dreibogige Fenster. Der Turm wird so nach oben zu  leichter und luftiger und wirkt dadurch scheinbar schlanker. Diese elegante Art der Fenstergliederung wird auch für andere Kirchtürme übernommen.

Der Campanile von Sant'Apollinare in Classe, Ravenna

Bild "Ravenna_Apollinare2_00.jpg"
Sant'Apollinare in Classe
Sant'Apollinare in Classe (Civita Classis ist der antike Name der später versandeten Hafenstadt) wurde errichtet, nachdem der byzantinische Feldherr Belisar große Teile des Ostgotenreiches und auch Ravenna zurückerobert hatte. Die unter dem Erzbischof Maximinian fertiggestellte Kirche ist 549 dem Hl. Apollinaris, dem ersten Bischof Ravennas, geweiht. Dessen sterbliche Überreste wurden allerdings im 9. Jahrhundert aus Sicherheitsgründen in die mitten in der Stadt liegende Kirche Sant'Apollinare Nuovo überführt, die auch dadurch erst ihren Namen erhielt.
Prachtvoll sind die Mosaikdarstellungen im Chorbereich: im Zentrum der Apsiskalotte befindet sich das zentrale Christuskreuz (ein Gemmenkreuz), darunter die Figur des Hl. Apollinaris, der wie ein guter Hirte die Schäfchen auf der Wiese weidet. Diese Darstellung ist durchaus politisch motiviert, der Erzbischof von Ravenna fühlte sich dem Papst in Rom ebenbürtig.

Sant'Apollinare in Classe, Ravenna
Bild "Ravenna_Apollinare2_01.jpg"
Bild "Ravenna_Apollinare2_05.jpg"Bild "Ravenna_Apollinare2_06.jpg"Bild "Ravenna_Apollinare2_07.jpg"
Bild "Ravenna_Apollinare2_02.jpg"
Bild "Ravenna_Apollinare2_03.jpg"
Bild "Ravenna_Apollinare2_04.jpg"
Bild "Ravenna_Apollinare2_08.jpg"

Vor der Kirche befand sich ursprünglich ein Narthex (ein Vorbau), mit kleinen zweigeschossigen Turmbauten. Der im Nordosten später hinzugefügte Campanile stammt wahrscheinlich erst aus dem 10. Jahrhundert. Der Rundturm zählt ähnlich wie der Campanile von Sant'Apollinare Nuovo mit zu den schönsten Bauten seiner Art, auch hier erweitern sich die Fensteröffnungen von einfachen Lichtschlitzen im unteren Bereich über Einfach- und Zweifachbögen zu den Dreifachfenstern im oberen Bereich.

Bild "Ravenna_Apollinare2_09.jpg"Bild "Ravenna_Apollinare2a_01.jpg"Bild "Ravenna_Apollinare2a_02.jpg"Bild "Ravenna_Apollinare2a_03.jpg"Bild "Ravenna_Apollinare2a_04.jpg"Bild "Ravenna_Apollinare2a_05.jpg"

Der Turm ist 37,50 Meter hoch, der Innendurchmesser beträgt 6,17 Meter. Die Mauerstärke beträgt am Eingang 1,91 Meter (*). Ein schmaler Durchgang verbindet den Glockenturm mit dem nördlichen Seitenschiff der Kirche.

(*) aus: Die Basilika Sant'Apollinare in Classe, ill. Kunstführer, herausgegeben von den Vallombrosaner Benediktinermönchen des Klosters Sant'Apollinare in Classe, ohne Jahresangabe

Noch mehr Türme in Ravenna

Die Basilika Santa Croce

Bild "Ravenna_Turm3_01.jpg"Bild "Ravenna_Turm3_02.jpg"
Die Basilika Santa Croce steht in Nachbarschaft zur ungleich berühmteren Kirche San Vitale und zum Mausoleum der Galla Placida. Letzteres war ursprünglich an den Narthex von S. Croce angebaut. Die ursprüngliche Basilika stammte ebenfalls aus dem 5. Jahrhundert. Später immer wieder verändert, sieht man heute eine Apsis aus dem 15., den Campanile aus dem 16. (?) und die Fassade aus dem 17. Jahrhundert.

Der Dom

Bild "Ravenna_Turm4_05.jpg"
Ravenna, Dom
Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Dom anstelle der 1733 zerstörten Kirche des 5./6. Jahrhunderts neu gebaut. Aus der Ursprungszeit blieb der mit Tierdarstellungen verzierte Ambo (Kanzel) im Innern erhalten. Auch der runde Campanile kann auf ein beträchtliches Alter verweisen, er stammt aus dem 10./11. Jahrhundert. Gleich daneben befindet sich auch eines der ältesten Monumente Ravennas, die Taufkapelle der Kathedrale, die sogenannte  Taufkapelle der Orthodoxen, auch das Neonische Baptisterium genannt. Die Taufkapelle geht auf das Ende des 4./Anfang des 5. Jahrhunderts zurück.

Campanile und Taufkapelle des Domes
Bild "Ravenna_Turm4_01.jpg"Bild "Ravenna_Turm4_02.jpg"Bild "Ravenna_Turm4_03.jpg"Bild "Ravenna_Turm4_04.jpg"

San Francesco: Campanile, Sonnenuhr und Goldfische

Bild "Ravenna_Turm5_00.jpg"
Ravenna, San Francesco
Der Ursprungsbau der Kirche San Francesco stammt aus der Zeit des Bischofs Neone, aus dem 5. Jahrhundert, und war den Aposteln geweiht. Im 10. Jahrhundert wurde die Kirche neu aufgebaut, im 20. Jahrhundert (nach Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg) ein weiteres mal. Der viereckige Glockenturm ist etwa 33 Meter hoch, er zeigt zwei-, drei- und vierbogige Fenster. Wenn man genau hinschaut, kann man oben in die Mauer eingelassene glasierten Schalen entdecken (Ähnliches findet man am Campanile der Abtei in Pomposa), die von der Dekorationsfreude der Zeit künden.
Der Turm wird auf das 9./10. oder 10./11.Jh datiert (die Angaben schwanken). Sehenswert ist auch das Innere: Der Boden der Krypta im Chorbereich liegt heute unter dem Grundwasserniveau. Mit ein bisschen Glück kann man hier die Goldfische schwimmen sehen...

San Francesco, Ravenna
Bild "Ravenna_Turm5_01.jpg"
Bild "Ravenna_Turm5_03.jpg"Bild "Ravenna_Turm5_04.jpg"Bild "Ravenna_Turm5_05.jpg"
Bild "Ravenna_Turm5_02.jpg"
Bild "Ravenna_Turm5_06.jpg"


Bild "2_next.png"
Pomposa